China – eine neue Supermacht im Fußball?

Noch wird Chinas Fußball belächelt – doch das Politbüro schaltet auf Angriff. Deutschlands Fußball-Elite will angesichts zu erwartender Millioneninvestments kooperieren und liefert im Gegenzug Know-how – mit welchen Folgen für die Bundesliga und deren Clubs?

Dr. Jan Lehmann | Nielsen SportsEine chinesische Delegation, angeführt von Vize-Ministerpräsidentin Liu Yandong, hat Ende November der Fußball-Bundesliga einen Besuch abgestattet. Die Führungsspitze des deutschen Fußballs um DFB-Präsident Reinhard Grindel und DFL-Präsident Dr. Reinhard Rauball besiegelte gleich mehrere hochkarätige Verträge – auf Club- und Verbandsebene. Als Basis der Einzelkontrakte wurde eine „Grundlagenvereinbarung auf Staatsebene“ unterzeichnet, die zunächst auf fünf Jahre ausgelegt ist. Deren Zustandekommen hatten laut DFL zuvor Bundeskanzlerin Angela Merkel und Staatspräsident Xi Jinping eingefädelt.

Auch die für Internationalisierung zuständigen Manager des FC Bayern München, 1. FC Köln, von Borussia Dortmund und Schalke 04 standen Pate bei der Unterzeichnung. Schließlich gehen die Bundesligisten ihre Expansion nach China immer gezielter an, der Wettlauf um Kooperationspartner und Markterschließungsstrategien hat längst begonnen. Der FC und Bayer 04 Leverkusen meldeten kürzlich Vollzug – und zeigen sich gerne bereit, in China Aufbauarbeit zu leisten.

Welche finanzielle Wucht und Entschlossenheit der chinesischen Aufholjagd zugrunde liegt, zeigt das Beispiel Hamburger SV. Schon im August wurde man mit SIPG, einem Super-League-Klub aus Shanghai, auf B2B-Ebene handelseinig. Nur drei Monate dauerte die Sondierung, es geht um Know-how-Transfer insbesondere im Nachwuchs- und Trainingsbereich. Auch ein Wissensaustausch im Management ist im Paket verankert, das dem HSV innerhalb von zwei Jahren Erlöse im mittleren siebenstelligen Millionenbereich verheißt. Ein Deal von erstaunlicher Dimension und wie die gesamte Kooperation zunächst ein großer Erfolg.

Was ist langfristig von solcher Zusammenarbeit zu halten? Eine Win-win-Situation soll nach dem erklärten Willen beider Seiten erwachsen. China erhält Fußball-Wissen für die eigene Mission Weltmeisterschaft, Deutschland profitiert von den Millionen, die China vorzugsweise in den Fußball pumpt. Dem Zufall wird dabei von chinesischer Seite aus wenig überlassen – und geknausert wird ganz offensichtlich auch nicht.

Der Grund liegt nahe: Staatspräsident Xi Jinping hat den Fußball auserkoren als Wachstumsindustrie und imageträchtiges Machtinstrument im Rahmen seiner „Soft Power“-Politik. Ein Magnet, der helfen soll beim Etablieren von internationaler Geltung. Was bei Smartphones und Elektromobilität auf dem Weg ist, soll im Sport und insbesondere im Fußball dank generalstabsmäßiger Planung und Finanzierung ebenfalls gelingen: eine Weltmarktführerschaft, am besten noch gekrönt mit dem Gewinn des WM-Pokals. Ein hochernster Plan im Unterhaltungsgeschäft, der das globale Fußballbusiness um frisches Kapital in Milliardenhöhe bereichert.

Den Startschuss gab ein Beschluss der General Administration of Sport im Oktober 2014: Bis 2025 soll eine über 800 Milliarden US-Dollar schwere Sportindustrie in China aufgebaut werden. Mit dieser staatlichen Rückendeckung gingen Privatinvestoren und Konzerne wie Wanda, Alibaba und Kaisa auf Einkaufstour. Bei Nielsen Sports haben wir im Report „China and Football“ die Investitionen analysiert, von Atlético Madrid über AC und Inter Mailand bis Manchester City: Chinesische Investoren haben sich in allen Top-Ligen bevorzugt Eigentum und Einfluss gesichert. Die 35 Millionen Euro Sponsorengeld, die aus China an Europas Klubs pro Jahr fließen, wirken dagegen vergleichsweise gering. Es geht um Mitspracherechte.

Ein Blick über den Tellerrand ist hier erhellend: Denn das Fußballbusiness weist etliche Parallelen auf zu klassischen Branchen, die Handel treiben mit Chinas staatlich gelenkten Wirtschaft. Die Akteure des Mittelstands suchten zunächst nach Absatzmöglichkeiten im Riesenreich und erlaubten im Gegenzug ihren zugeteilten Joint-Venture-Partnern einen tiefen Blick in technische Erfolgsgeheimnisse. Nachdem die chinesische Wirtschaft bekommen hat, was sie wollte, wird die Luft aber inzwischen dünner. Und Chinas Investoren sind längst auf Einkaufstour im deutschen Mittelstand. Aus einstigen Pionieren wurden Übernahmekandidaten.

Im Fußball erwerben die Chinesen auch unterhalb des öffentlichen Radars Einfluss – dort, wo die zentralen Entscheidungen fallen. Sportrechte- und Spielervermittleragenturen gehen ganz oder zu großen Teilen in chinesische Hände oder sie bandeln über Kooperationsverträge an. Genannt seien Infront Sports & Media, MP & Silva oder die portugiesische Agentur Gestifute, die auch Cristiano Ronaldo vertritt.

Ob bald mit deutschem Wissen ausgebildete Chinesen die Bundesliga bereichern? Das kann ich mir in absehbarer Zeit noch nicht vorstellen. Wahrscheinlicher ist dagegen, dass die Chinesen in der Bundesliga geschäftlich zu großer Form auflaufen. Insofern stellt sich die Frage: Wie hoch ist mittelfristig der wahre Preis für den angebotenen Know-how-Transfer? Und wann wächst das Interesse der Clubs nach weiteren Kapitalzuflüssen so weit, dass man auch in der Bundesliga zu Anteilsverkäufen an chinesische Investoren bereit ist?

In Deutschland bremst noch einzig und allein die 50+1-Regel. Denn ohne die Chance auf Stimmrechtsmehrheit ist ein Investment weniger attraktiv als im Ausland – ganz gleich für welchen Geldgeber. Momentan mehren sich aber die Stimmen, die eine Aufhebung von 50+1 fordern und viele der 36 Profiklubs sind offen für eine Veränderung. Denn es stellt sich der Bundesliga die Frage, wie die internationale Wettbewerbsfähigkeit gewahrt bleiben soll, wenn den Bundesligisten der Zugriff auf diesen immer wichtigeren Finanztopf faktisch verwehrt bleibt.

Es sieht daher so aus, als wenn diese Regel in absehbarer Zeit fallen dürfte und damit auch erste Bundesligisten mit chinesischem Kapital gestärkt werden. Chinesisches Geld wäre dann ebenso willkommen wir jenes aus der Hand deutscher, österreichischer oder US-amerikanischer Konzerne.

Wir sollten über dieses spannende Thema im Gespräch bleiben!


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